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Mittwoch, 24. Oktober 2012

Selbstjustiz

Edi Brent von battle-rear-solid hat in seinem Kommentar zu meinem Post „Ein guter Mann“ diesen Beitrag zum Thema Selbstjustiz angeregt. Dieser Anregung komme ich gerne nach und schreibe hier einige Gedanken dazu.

Justizia
Quelle: http://www.sxc.hu/photo/388623
Foto: Carlos Sillero
Fakt ist, dass Selbstjustiz per Gesetz verboten ist. Wenn mich jemand ermordet, darf ich nicht aufstehen und den Täter umbringen. Aber halt. Die einzige Version der Selbstjustiz, die ich umfassend verstehen und rechtfertigen könnte, ist gerade jene, sie nicht möglich ist. Ich müsste in diesem Fall meinen Mörder an seiner Tat hindern, bevor er sie begeht. Bin ich gezwungen, dem Angreifer das Leben zu nehmen, weil er sich anders nicht aufhalten lässt, dann handelt es sich aber um Notwehr und nicht um (vorverlegte) Selbstjustiz.

Wenn statt mir, ein naher Verwandter getötet wird – bleiben wir
bei Mord, da gibt es weniger Graustufen – dann müsste ich nach dem Motto Auge um Auge, einen nahen Verwandten des Mörders töten, um Gerechtigkeit zu erlangen. Ich müsste ihm den gleichen Verlust zufügen, den er mir zugefügt hat. Diese Gerechtigkeit würde lediglich mich und den Mörder ausgleichen, jedoch nicht das weitere Opfer, welches an der Vorgeschichte wahrscheinlich vollkommen unschuldig ist. Dieses Opfer würde mich damit in die Position eines neuen Mörders bringen. Es findet so kein Schulausgleich, sondern eine Schuld- und Opferverdoppelung statt. Letztlich bleibt die Annahme, dass ersatzweise der Mörder zu töten wäre. Das wäre genauso wenig gerecht. Denn ich selbst lebe ja noch, was mir das Recht nimmt, den Schuldigen zu töten. Es steht mir nicht zu, ein Leben für ein anderes zu nehmen. Ich bin nicht in der moralischen und rechtlichen Position, den Verlust einer geliebten Person – und mehr habe ich nicht erlitten – durch das Nehmen von Leben auszugleichen. Im Falle von Mord kann durch Selbstjustiz keine Gerechtigkeit erlangt werden.

Nun lässt sich einwenden, dass der Sinn von Justiz nicht Gerechtigkeit ist, sondern die Bestrafung von Schuldigen ist. Und an dieser Stelle fängt das Dilemma an. Was ist eine gerechte Strafe? Auge für Auge, Zahn für Zahn, Leben für Leben?

Wer einen geliebten Menschen durch einen betrunkenen Autofahrer verloren hat, wird mit ziemlicher Sicherheit lauthals „JA“ schreien. Doch der Autofahrer hat ebenfalls (unschuldige) Angehörige, die an ihm hängen, und würde man ihn hinrichten, würden Viele Schaden erleiden, der nicht zu rechtfertigen wäre.

Andererseits macht die Bestrafung oder die Tötung eines Täters nichts wieder gut. Weder für die Hinterbliebenen, noch für die Opfer. Weshalb nurmehr zwei Gründe bleiben, Täter zu bestrafen.

Damit der Täter es nicht noch einmal tut und Abschreckung für andere, damit sie gar nicht erst daran denken Gleiches ebenfalls zu verbrechen.

Jemanden der Selbstjustiz üben möchte, bleibt nichts übrig, was diese rechtfertigt. Durch Selbstjustiz kann nichts wieder gut gemacht werden. Durch Selbstjustiz wird Leid vermehrt, nicht vermindert. Selbstjustiz ist deshalb nicht geeignet künftige Taten zu verhindern, da sie ausschließlich im persönlichen Bereich liegen und keine abschreckende Wirkung haben.

Wer Selbstjustiz übt, wird wohl oder übel selbst zum Täter und muss nicht nur mit dem eigenen Gewissen ins Reine kommen, sondern sich zudem mit der Öffentlichkeit und der Justiz auseinandersetzen. Den diese können und dürfen Selbstjustiz nicht tolerieren.

PS: Ich kann jede Person, die in der Situation war, Selbstjustiz üben zu wollen, durchaus verstehen, warum sie so handeln möchte. Etwas zu verstehen, heißt leider nicht immer, es gut zu heißen. Es gibt Dinge, die sollte man nicht in die eigene Hand nehmen!

Kommentare:

Eddi Brent hat gesagt…

Ich würde gern schreiben, du hättest überzeugend argumentiert. Da ich aber ohnehin der selben Ansicht bin wie du, brauchtest du mich in der Sache nicht zu überzeugen ;).
Durch (gerichtlich beschlossene) Todesstrafe passiert in meinen Augen das Gleiche: Opferverdopplung oder -vermehrung.

Bin gespannt, wie hier vielleicht noch für Selbstjutitz in bestimmten Fällen argumentiert wird.

Erik Nagel hat gesagt…

Ich schließe mich an, mit zwei zusätzlichen Argumenten: Erstens ist die Todesstrafe (aber eben auch Mord) so ziemlich das einzige, was man nicht mehr wieder gut machen kann. Es gibt keine Wiedergutmachung, es ist unumkehrbar, es ist weder rückgängig zu machen noch kann man den Zustand DAVOR in irgendeiner Weise wiederherstellen. Die Entscheidung zu so einer endgültigen Konsequenz darf sich meiner Meinung nach niemand anmaßen. Und zweitens stellt sich ein in Selbstjustiz Handelnder oder ein Henker mit seiner Tat auf eine Stufe mit dem Mörder. Er oder Sie nimmt ein Leben, und da spielt es für mich auch keine Rolle, ob das vielleicht staatliche legitimiert ist oder nicht.

Soda. hat gesagt…

"Selbstjustiz ist deshalb nicht geeignet künftige Taten zu verhindern..." Und wer kann in die Zukunft sehen? Das klingt mir mehr nach einer Vision a la "Minority Report", denn nach Realität. Als Abschreckung kann die Selbstjustiz bzw. Hinrichtung nie dienen, denn jeder Mensch tickt anders. Heißt also nur: mordet man einen Mörder, lacht sich der nächste 'nen Ast. Kein Mörder wird sich davon abschrecken lassen, seinen dunklen Trieben nachzugehen, die letztendlich nichts anderes sind. Das Ganze muß man psychologisch angehen, biblische Vergeltungsmaßnahmen - ob persönlich oder staatlich - nutzen da nie etwas. Aber der Mensch ist sehr langsam in seiner geistigen Entwicklung, und ich fürchte, es wird noch sehr, sehr lange dauern, bis endlich von staatlicher Tötung abgesehen wird.

Sicher ist schnell gesagt: "du hast mir weh getan, jetzt tu' ich dir auch weh. Und wenn du trotzdem weiter machst, dann tu' ich jemandem weh, der dir nahe steht." Da ist es dann genau so, wie Du hier schreibst: das zieht einen Rattenschwanz nach sich, der unkontrollierbar aus der Bahn laufen wird. Diese Kette gilt es zu durchbrechen. Hass keimt so schnell und führt doch nur zu einem: er frißt die Seele auf und man vergißt jegliches Gefühl von Menschlichkeit.

Doch auch wenn bei dem einen etwas wirkt, heißt das nicht (wie oben bereits geschrieben) das ein anderer ebenfalls eine Lehre daraus zieht. Für mich ist das Einzige, das zählt, das zu viele Unschuldige gestorben sind, sei es durch die Hand von Selbsttätern oder von Staatshenkern, als das man noch klaren Verstandes behaupten könnte, das (staatliche) Selbstjustiz gerechtfertigt wäre. Wie Du bereits sagst: wer darf sich das anmaßen? Wer darf über Leben und Tod entscheiden?

Und handelt es sich um andere Straftaten als der hier von Dir angeführte Mord, dann sehen wir das typische Schema des "vom Opfer zum Täter". Ein Mensch, der geschlagen wird, schlägt irgendwann aus eigenem Antrieb - um (damit komme ich auf Dein "künftige Taten zu verhindern" zurück) sich von vornherein davor zu schützen, erneut körperliche Gewalt zu erfahren. Und auch hier gilt: Gleiches mit Gleichem vergelten, allerdings an einem anderen Menschen. Wobei ja dann auch diese Kette - wie Du ebenfalls richtig bemerkt hast - das nächste Opfer mit sich bringt. Und so zieht es sich wie ein roter Faden durch die menschliche Existenz, denn was der Mensch wohl noch immer nicht begriffen hat ist, das wir alle miteinander verbunden sind. Auf die eine oder andere Weise.

Ich möchte mit einem Zitat schließen: "Kein Mensch ist so wichtig, das er die Existenz eines anderen Wesens ignorieren kann." Dies gilt vor allem auch für die Angehörigen von Opfern und Tätern. Wer darf sich darüber hinwegsetzen?...

P.S.: Zitat von Cpt. Jean-Luc Picard, Star Trek - TNG (die Folge weiß ich jetzt aber net mehr ;))