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Freitag, 12. Oktober 2012

Die Wut im Blumentopf

Die folgende kleine Geschichte entstand auf Anregung einer netten Kursteilnehmerin. Sie musste während ihrer Schulzeit einen Aufsatz zu diesem Titel verfassen. Welchen Erfolg sie dabei erzielt hatte, haben wir nicht besprochen - bzw. kann ich mich nicht mehr daran erinnern ;)
Ach ja... da war noch ein zweiter Titel. Den hab ich so gut notiert, dass ich ihn bislang nicht gefunden habe. Vielleicht schreibt mir ja jemand den zweiten Titel in den Kommentar (^o^)
Tante Lieses Rosen
Quelle: http://www.sxc.hu/photo/998322
Foto: Angie
 Also dann - viel Spaß beim Lesen!

Tante Liese wäre heute achtzig geworden. Sie war eigentlich nicht meine Tante. Sie war Bibliothekarin in der Stadt, hieß Lieselotte Höchtlein und ist mitverantwortlich für meine Karriere als Schriftsteller. Fräulein Höchtlein, wie ich sie, da sie nicht verheiratet war, in meiner Jugend nennen musste, kannte ich seit beinahe fünfunddreißig Jahren. Mein erstes Zusammentreffen mit ihr habe ich allerdings schmerzhaft in Erinnerung.

Wir hatten den Auftrag unseres Deutschlehrers, einen Aufsatz über ein Buch zu schreiben. Wir sollten eines wählen, dass wir gelesen hatten. Doch weder mein Freund Flori noch ich hatten je etwas anderes gelesen außer Gespenster- und Superhelden-Comics. Also dachten wir an die örtliche Bibliothek, die im Pfarrhof unseres Ortes untergebracht war. Mein Freund hatte die Idee, einfach ein Buch auszuleihen, den Text vom Umschlag abzuschreiben, ein paar Formulierungen zu ändern und dem Lehrer als Eigenkreation unterzujubeln. Mit unseren elf Jahren hielten wir den Lehrer für bescheuert genug, dass ihm das sicher nicht auffallen würde.
Es sollte gar nicht dazu kommen. Zumindest nicht so wie geplant.
Die Bibliothek hatte nur am Wochenende geöffnet. Ein paar Stunden vor der Samstag Abendmesse und am Sonntag bis kurz nach Mittag. Fräulein Höchtlein betreute diese ehrenamtlich.

Flori und ich hatten an diesem Sonntag Ministranten-Dienst bei der Vormittagsmesse. Da wir beim Verlassen der Sakristei ohnehin am Eingang zur Bibliothek vorbei mussten, gingen, oder besser, stürmten wir in die Bibliothek. Ich hatte den Sturm mit einem Klaps auf Floris Schulter und den Worten „du bist …“ ausgelöst. „Du bist …“, begleitet von einem Klaps war das zum Handeln zwingende Startsignal zum Fangen spielen. Das Signal zu ignorieren wäre unehrenhaft gewesen. Ich bog um das erste Regal. „Wenn ich dich erwische, nehme ich deinen Skalp“, versprach Flori keuchend. Er war ein wenig dicklich, dafür umso kräftiger, wenn es um die Verteidigung meines Mundwerks gegenüber älteren Schülern ging. Nicht selten musste mich der Bauernjunge auf dem Schulweg herausboxen. „Bis du losgerannt bist, bin ich auf dem Mond“, neckte ich zurück. Und noch ehe ich um die nächste Ecke biegen konnte, durchfuhr ein heftiger, nicht enden wollender Schmerz, mein linkes Ohr.
Flori lief auf mich auf und im nächsten Moment hingen wir mit unseren Ohren zwischen Fräulein Höchtleins Fingern, wie Marionetten an unsichtbaren Fäden. Sie sprach kein Wort und dirigierte uns zu einem Tisch im Nebensaal, um den mehrere Stühle standen. Ohne den Griff zu lockern, bugsierte sie jeden von uns auf einen Stuhl und ließ dann los, um im nächsten Augenblick ihren Finger auf die Lippen zu legen. Ich musste schlucken und hatte Angst, das Geräusch aus meinem Hals würde die Frau in eine tobende Bestie verwandeln. Flori hatte sichtlich Mühe, seinen Atem zu kontrollieren. Ein leises Pfeifen ließ sich jedoch trotz größter Anstrengung – oder gerade wegen ihr – nicht verhindern.
Fräulein Höchtlein verschwand zwischen den Regalen und kam wenige Augenblicke später zurück. Sie drückte jedem von uns ein Buch in die Hand. Ich bekam Jules Vernes "Von der Erde zum Mond" und Flori hielt „Lederstrumpf“ ehrfürchtig umklammert. Er wagte nicht, sich zu bewegen.
„Ihr werdet euch nicht wegrühren, ehe ihr hundert Seiten gelesen habt …“
Was soll ich sagen. Ich habe das Buch am Abend mit nach Hause genommen und wurde Stammkunde von Fräulein Höchtlein. Im Laufe der Jahre haben wir oft still nebeneinander gesessen und gelesen, über Bücher und Geschichten diskutiert. Sie hat mir die Bücher fürs Gymnasium und später für das Philosophie- und Germanistik-Studium besorgt und mir bei vielen Aufgaben und Übungen geholfen. Irgendwann in diesen vielen Jahren wurde sie zur Tante Liese und ich hatte sie niemals mürrisch oder unfreundlich erlebt. Sie schien stets gelassen und zufrieden.
An ihrem 76. Geburtstag hatte sie mich eingeladen, zu ihr nach Hause zu kommen. Zuvor, in mehr als dreißig Jahren, war ich nie in ihrem Haus gewesen. Wir hatten uns stets in der Pfarrbibliothek getroffen oder im Kaffeehaus am Platz. Doch dieses Mal wollte sie etwas mit mir besprechen. Damals hatte ich schon einige Jahre als freier Autor gearbeitet, für diverse Zeitungen und Zeitschriften geschrieben, den ein oder anderen Aufsatz publiziert und einige Manuskripte bei Verlagen eingereicht.

Nachdem wir Kaffee getrunken und von der Geburtstagstorte genascht hatten, führte sie mich durch das Haus in ihren Garten. Es verschlug mir, bei dem Anblick der sich mir bot, den Atem. Auf unzähligen Tischchen, Bänken und Regalen stand eine Unmenge an Topfpflanzen, Kübelpflanzen und in verschiedenen Ecken und Heckenbuchten rekelten sich die schönsten Rosenbüsche und Stammrosen in allen erdenklichen Farben und Formen.
„Ich möchte, dass du darüber schreibst“, sagte sie und machte eine alle Pflanzen umschließende Bewegung.
„Ein Gartenbuch?“ Sachbücher lagen mir überhaupt nicht – die ewigen Recherchen …
„Über die Wut in den Töpfen.“
Ich verstand nur Blumentopf. Tante Liese sah mich grinsend an. Sie hatte offensichtlich Spaß daran, mich zu verwirren.
„Schau her“, sagte sie und zog mich energisch am Ärmel in die Ecke ihres Gartens, in dem der wohl größte und schönste Rosenstrauch stand, den ich je gesehen hatte. Dabei entwickelte sie eine Kraft, die ich der alten Dame nicht mehr zugetraut hätte.
„Das ist eurer. Deiner und Floris.“
Mein Herz geriet kurz aus dem Rhythmus und ich musste schlucken. Flori war zwei Jahre zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen.
„Was meinst du?“ Ich verstand noch nicht und meinte schon, sie würde gleich wunderlich werden.
„Jede dieser Pflanzen hat eine ganz besondere Geschichte. Jedes Mal wenn ich mich hätte ärgern müssen, bin ich in den Blumenladen gegangen, habe eine Pflanze ausgesucht und meine Wut mitsamt der Erde in den Topf gestopft. Offenbar ist Wut ein guter Dünger, denn wie du siehst, gedeihen die meisten prächtig. Eure Rose hier war die Erste, mit der ich das gemacht habe. Ich war es einfach leid, mich über Situationen, die andere verursacht hatten, zu ärgern und mich schlecht zu fühlen. Die Pflanzen machen mir Freude und zeigen mir Tag für Tag, dass nichts so schlimm ist, dass nicht Gutes daraus werden kann. Du bist gewachsen, wie dieser Rosenstock und ich bin sehr stolz auf dich.“
Wieder musste ich schlucken – und diesmal war der Kloß in meinem Hals um einiges größer.
„Ich wünsche mir, dass du aus den wertvollsten meiner Erinnerungen eine Geschichte machst, die den Menschen hilft, nicht mehr wütend zu sein. Keine Ahnung, wie lange ich noch habe. Besser, wir fangen an, solange ich noch alle meine Erinnerungen beisammenhabe.“

Tante Liese durfte noch erleben, wie mein biografischer Roman „Die Wut im Blumentopf“ ein Bestseller wurde - und ihre Blumen gedeihen heute noch immer prächtig.
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