DerBalubaer-Blog.at

Dieses Blog durchsuchen

Samstag, 27. Oktober 2012

Der Esel, der ein Pferd sein wollte

In einem Land und zu einer Zeit fern von hier und jetzt, lebten die Tiere friedlich zusammen. Es gab keine Menschen, die Unordnung in ihre Welt gebracht hätten. Es lebten die Gazellen neben den Leoparden, die Hühner neben den Füchsen, die Bären neben den Kaninchen und alle waren zufrieden. Auch der Löwe lebte mitten unter ihnen. Er war sicher der stolzeste unter den Tieren. Er war der Herrscher. Dann gab es da noch die Pferde. Sie waren die edelsten Geschöpfe und überragten an Ansehen und Anmut alle anderen bei weitem.

Dann gab es noch einen Esel, der sich die meiste Zeit bei den Pferden aufhielt. Er war nicht
besonders schön, seine Mähne war borstig und sein Fell von stumpfem Grau. Die Pferde beachteten ihn nicht weiter, doch sie und die anderen Tiere lachten über ihn, wenn er versuchte, mit ihnen Schritt zu halten, sobald sie über die Steppe galoppierten. Alle kannten den Esel und über die Jahre hatten sie ihn lieb gewonnen. Er war schneller als alle anderen Esel, doch an die Pferde reichte er nicht ganz heran. Und wenn er nicht mit den Pferden lief, dann verbrachte er viel Zeit damit, mit dem Löwen über Gott und die Welt zu diskutieren. Oft philosophierten sie ganze Nächte darüber, wie es gekommen war, dass alle Lebewesen in dieser Welt gleich, frei und glücklich waren, obwohl sie doch so unterschiedlich waren. Einmal kam der Esel knapp nach Sonnenaufgang zu dem Schluss, dass es wohl daran liegen würde, dass niemand mehr vom Leben verlangte, als er unbedingt benötigte.

Der Löwe also wachte über diese Welt, in der es friedlich und gerecht zuging. Doch der Löwe und die anderen Raubtiere mussten fressen. Das verstanden auch die Tiere, die zu deren Beute gehörten und so hatten sie sich auf eine Lotterie geeinigt. Das Gesetz besagte, dass nur jene Tiere von Raubtieren gefressen werden durften, die durch Los ausgewählt worden waren. Es ging immer gerecht zu und die Tiere, auf die das Los fiel, erkannten ihr Schicksal an und haderten nicht damit. Sie wussten, dass es zum Lauf des Lebens gehörte, dass einige wenige sich opfern mussten, damit der Rest in Frieden und Freiheit leben konnte.

Doch eines Tages geschah etwas Seltsames. Das los fiel auf den Esel, der ein Pferd sein wollte und zum ersten Mal war der Löwe traurig. Er hatte den kleinen Grauen in sein Herz geschlossen, denn er schätzte den Mut, die Tapferkeit und die Ausdauer mit der er all die Jahre versucht hatte, es den Pferden gleichzutun. Er mochte ihn für die klugen Gespräche und weisen Ratschläge, die er dem Esel zu verdanken hatte. Zum ersten Mal war der Löwe versucht, sein Gesetz zu brechen und ein anderes Opfer auszuwählen.

Doch er wusste, dass damit der Friede in seinem Reich gefährdet wäre. Er beschloss, sich an das Gesetz zu halten und lies den Esel holen. Die Nachricht verbreitete sich schnell unter den Tieren der Steppe und alle wanderten zum Löwenfelsen um Abschied von dem Esel zu nehmen.

Heute behaupten die Menschen, die Tiere könnten nicht weinen. Doch wären sie damals dabei gewesen, dann wüssten sie, dass alle Tiere weinen. Selbst der Löwe vergoss ein paar Tränen, als er dem Esel gegenübertrat. "Das Los ist auf dich gefallen, mein Freund...", sagte er mit einem mächtigen Kloß in der Kehle.

"Ich wusste, dass dieser Tag irgendwann kommen wird", antwortete er mit fester, kratziger Stimme. "Heute ist mein großer Tag. Heute werde ich ein letztes Mal über die Steppe laufen, wenn du mich jagst, Löwe. Und ich werde dir versprechen, dass ich es dir nicht leicht machen werde. Heute werde ich laufen, schneller, als je ein Esel gelaufen ist und schneller, als je ein Pferd gelaufen ist. Heute werde ich euch allen zeigen, dass ein Esel ein Pferd sein kann."

Er reckte sich und schüttelte sich einmal kräftig. Dann blickte er mit hoch erhobenem Haupt durch die Runde, bis sein Blick auf dem Löwen liegen blieb: "Komm alter Freund, lass uns laufen."

Es war vollkommen still in der Steppe. Selbst der Wind hatte sich gelegt. Der Löwe stellte sich neben den Esel und beide begannen zu traben und mit ihnen tausender Hufe, Pfoten und Tatzen. Alle begannen sie zu laufen, um den Esel bei seinem letzten Rennen zu begleiten. Immer schneller und schneller, bis er und der Löwe an der Spitze der Herde rannten und niemand mehr sie einholen konnte...

Kommentar veröffentlichen