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Montag, 27. August 2012

„Gibt es einen Gott, John?“

Quelle: maps.google.com
"Gibt es einen Gott, John?"
Ausgerechnet jetzt meldete sich mein Gewissen, dachte John Masters. Selbstverständlich gibt es einen Gott
Darauf hätte seine im viktorianischen Stil erzogene Mutter bestanden.
„Es ist doch jetzt vollkommen egal, ob es einen Gott“, versuchte er seinen Gedanken auszuweichen, indem er die Antwort laut aussprach.


„Ist es das?“, bohrte es weiter.
„Nein – es gibt keinen Gott!“, sagte er sich. Es konnte keinen geben. Nicht bei all dem, was er über sich ergehen lassen musste.
Vater hatte sie bereits in seiner frühesten Kindheit verlassen. Er habe zu nichts getaugt, bekräftigte Großmutter immer wieder, wenn Gespräche zwischen Mutter und ihr darauf kam. Sie hatte ihn weggeekelt.So waren er und Sue ohne Vater aufgewachsen.
„Sue ..., wie wirst du es verkraften?“ Ein Seufzen quälte sich über seine Lippen.
Für sie würde es schwer werden. Obwohl sie knapp zwei Jahre jünger war, sah man ihnen den Altersunterschied nicht an. Vor allem, da Sue die Stärkere von Ihnen beiden war. Ihre gesamte Kindheit und Jugend waren sie unzertrennlich gewesen. Erst nach ihrem Studium in Oxford hatten sie nicht mehr viel Kontakt zueinander. Als sie dann auch noch mit diesem Schnösel Frank nach New York ging, verloren sie sich aus den Augen. Ab und an eine Karte zum Geburtstag, später Emails zu verschiedenen Anlässen.
Er selbst hatte nicht studiert. Wozu auch. Sein Leben war ohnehin eine einzige Panne. Er wäre gerne Schriftsteller geworden. Tolle Ideen hatte er gehabt. Nein! Darin waren Mutter und Sue einig – er sollte etwas Vernünftiges werden.
Vernünftig war sein Leben, nachdem ihm Sue den Job bei Lehman Brothers vermittelt hatte. Vernünftig war es wohl, aber glücklich?
„Nein, ich war er nie glücklich.“, versuchte er sich zu rechtfertigen.
Nun ja – nie war nicht richtig. In den Neunzigern, als er Sabrina kennen und lieben gelernt hatte, da war er glücklich. Als sie ihr erstes Kind erwarteten, war er glücklich. Als er sich abends, nach der Arbeit in der Bank an seinen ersten Computer setzen und an seiner ersten Geschichte tippen konnte, da war er glücklich.
Bis zu dem Tag als Sabrina ihn abholen wollte. Bis zu dem Tag an dem sie gemeinsam den Kinderwagen aussuchen wollten. Bis zu dem Tag, als die Bremsen des Lasters versagten und er in der Kurve vor der Liverpool Street geradeaus schlitterte. Von dem Tag an war er nie mehr glücklich gewesen.
Seitdem war alles ein sinnloser Brei.
Mit Ausnahme einer kleinen Änderung im Tagesablauf als Corney & Barrow im gleichen Gebäude eröffneten, in dem sein Büro lag. Zugegeben, manchmal hatte er nach Büroschluss überlegt, ob er lieber statt in diese Bar in die Broadgate-Clinic gehen sollte, die ebenfalls im Haus untergebracht war. Er hatte aber nie verstanden, wie ihm das Geschwafel über sein misslungenes Leben helfen sollte, nur weil ihm ein Psychotherapeut zuhören würde.
Er blickte nach rechts, etwas über seine Schulter. Er konnte das Fenster seines Büros nicht sehen, da es auf der anderen Seite des Gebäudes lag. Es reichte ihm, dass er zumindest die Zufahrt sah, die er tagtäglich entlang geschlurft war.
Nun sah er nach unten. Seine Krawatte entlang, da war der Kaffeefleck – er verstand nie, warum er Tee hätte trinken sollen – vorbei an seinen Schuhen, die bereits etwas aus der Form geraten waren, hinunter auf den Gehsteig.
Tagtäglich, mehr als zwanzig Jahre. Plötzlich spricht alles von einer Krise. Er hatte seine eigene Krise, da fehlte im gerade noch, dass der ganze Konzern die Themse runter ging. Wer würde ihn jetzt noch, mit über fünfzig haben wollen. Den kleinen Kundenbetreuer einer Pleitebank.
Wenn er etwas abspringen würde, könnte er genau auf dem Platz aufschlagen, wo der Laster Sabrina damals erwischt hatte. Sein Schädel würde aufplatzen, das Gehirn auf das Pflaster spritzen und …
„Mein Gott Sabrina …“ Schluchzen rüttelte ihn und Tränen liefen prompt über die Wangen. Er fasste sich schnell und fuhr kurzerhand mit dem Ärmel seines Mantels über sein Gesicht.
„Mein Gott?! Gibt es dich?“
Er konnte das Pflaster unten nicht mehr sehen. Viele Schaulustige hatten sich eingefunden.
„Spring schon!“, rief jemand.
Springen? Oder fallen lassen? Was, wenn du auf jemanden fällst und mit in den Tod reißt. Selbstmord ist eine Sache, jemanden mit in den Tod zu nehmen, eine andere. Einen Unschuldigen! Was würde Gott davon halten. Selbstmord für sich ist schon eine Sünde – aber Mord? Ist es das wert?
Seine innere Stimme dachte nicht daran, ihn in Ruhe zu lassen.
Aber es konnte keinen Gott geben. Der hätte das alles niemals zugelassen.
Und wenn doch? Was ist dann? Dann wird es nie ein Ende haben. Deine Hölle wäre, dass sich alles ständig wiederholt. Dein langweiliges, sinnloses Leben, der Unfall, deine Unfähigkeit damit fertig zu werden. Zur Strafe gäbe es kein Ende.
Wenn du aber durchhältst, bis Gott einsieht, dass es genug ist, dass du genug gelitten hast, genug bestraft bist und endlich von selbst sterben darfst, … dann gibt es eine Chance auf ein besseres Danach.
„Und wenn es doch keinen Gott gibt?!“
John war unsicher geworden. Nein, dieses Risiko wollte er nicht eingehen. Diese letzte Chance wollte er sich nicht auch noch vermasseln.
 „Vielleicht gibt es einen Gott und er gibt mir eine Chance.“
Er drehte sich langsam, mit winzigen Schrittchen auf der schmalen Mauer um. Er blickte auf die Tür zum Stiegenhaus, durch die er auf das Dach gekommen war. Die Tür wurde ein Stück aufgestoßen, ein Bobby steckte seinen Helm durch den stätig weiter werdenden Spalt. Das Quietschen der rostigen Türangeln klang wie das Kreischen eines Monsters. Die Tauben, die sich wieder auf dem Dach gesammelt hatten, flogen auf und direkt auf John zu.
John riss die Arme hoch und machte einen unbedachten Schritt zurück!
Es gibt doch einen Gott, dachte er, und schloss glücklich die Augen!
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